Dieses Bild repräsentiert in chinesischer Kaligraphie das Schriftzeichen "Harmonie". Dazu ein schöner Spruch in Englisch: "Things that accord in tone vibrate together. Things that have affinity in their inmost natures seek one another."

In dieser Rubrik sammelt Wendelin Niederberger schöne Zen-Geschichten.
Wer eine Geschichte kennt, schickt diese per E-Mail an folgende Adresse: info@wendelin-niederberger.ch und alle guten Geschichten werden mit Absender veröffentlicht. Die besten Geschichten werden von den Leserinnen und Lesern mit einer Stimme benotet. Die Person mit der Geschichte mit der höchsten Punktzahl gewinnt ein Nachtessen für zwei Personen mit Wendelin Niederberger.
Also strengt Euer Gehirn an und sendet mir die Zen-Geschichten, welche Euch besonders gefallen.

Zen-Geschichten

Zen-Geschichte Nr. 1

Trinken Sie auch gerne zwischendurch eine Tasse Tee? Hier die Geschichte vom Professor, der einen Besuch beim Zen-Mönch machte:

Ein Professor wanderte weit in die Berge, um einen berühmten Zen-Mönch zu besuchen. Als der Professor ihn gefunden hatte, stellte er sich höflich vor, nannte alle seine akademischen Titel und bat um Belehrung.
"Möchten Sie Tee?" fragte der Mönch.
"Ja gern", sagte der Professor.
Der alte Mönch schenkte Tee ein. Die Tasse war voll, aber der Mönch schenkte weiter ein, bis der Tee überfloß und über den Tisch auf den Boden tropfte.
"Genug"!" rief der Professor. "Sehen Sie nicht, dass die Tasse schon voll ist? Es geht nichts mehr hinein."
Der Mönch antwortete: "Genau wie diese Tasse sind auch Sie voll von Ihrem Wissen und Ihren Vorurteilen. Um Neues zu lernen, müssen Sie erst Ihre Tasse leeren."

Soviel zum Thema, was uns das viele Wissen überhaupt nützen kann…

Zen-Geschichte Nr. 2

Hier die Geschichte vom König, dessen Volk verrückt geworden ist:

Es war einmal ein König, der lebte in seinem Schloss auf einem hohen Berg, von wo er sein ganzes Land überblickte. Der König war sehr beliebt bei seinem Volke. Jeden Tag brachten ihm die Leute aus der Stadt schöne Geschenke, und der Geburtstag des Königs wurde im ganzen Land gefeiert. Die Leute liebten den König, denn er war weise und gerecht.
Eines Tages geschah ein Unglück. Alle Brunnen im Lande wurden vergiftet, und alle - Mann, Frau und Kind - wurden verrückt. Nur der König, der auf seinem Berg einen eigenen Brunnen besass blieb verschont.
Bald danach fingen die verrückten Leute im ganzen Land an zu tuscheln: "Wie seltsam ist doch unser König. Er ist überhaupt nicht mehr weise, er ist gar nicht mehr gerecht."
Manche behaupteten sogar, der König sei verrückt geworden. Vorbei war es mit seiner Beliebtheit, und niemand brachte ihm mehr Geschenke. Natürlich feierte auch niemand mehr seinen Geburtstag.
Der einsame König, hoch droben auf seinem Berg, blieb ganz allein. Er langweilte sich, darum beschloss er eines Tages, von seinem Berg herabzusteigen und in die Stadt zu gehen. Es war furchtbar heiss an diesem Tag, darum trank der König einen tüchtigen Schluch aus dem Brunnen am Marktplatz.
An diesem Tag feierte die ganze Stadt ein grosses Fest. "Unser geliebter König hat endlich seinen Verstand wiedergefunden", jubelten die Leute.

Ist es nicht oft so, dass wir etwas tun, bloss weil es andere Leute auch tun? Wie heisst es doch so schön: Wer etwas Neues bringt, wird zuerst belächelt, dann wird er angegriffen und später für allgemeingültig erklärt. Wussten Sie, dass Galileo Galilei bereits 1992 von der Kirche rehabilitiert wurde? Man hat öffentlich zugegeben, dass er doch recht hatte mit seiner Behauptung, dass sich die Erde um die Sonne drehe.

Erotik in Zen-Geschichten? Das soll es nicht geben? Lesen Sie hier…

Zen Geschichte Nr. 3

Ein Schüler der Meditation sass in tiefem Schweigen mit einer Gruppe von Übenden zusammen. Erschreckt durch eine Vision von Blut, Tod und Dämonen, stand er auf, ging zum Lehrer und flüsterte: "Roshi, ich hatte eben eine furchtbare Vision."
"Lass sie los, sagte der Lehrer.
Ein paar Tage später beglückten ihn phantastische erotische Phantasien, Einsichten in den Sinn des Lebens, mit Engeln und kosmischer Pracht - die Wunder der Welt.
"Lass sie los", sagte der Lehrer, der mit seinem Stock hinter ihn getreten war und ihm einen Schlag versetzte.

Und hier gleich noch eine zum gleichen Themenkreis…

Zen-Geschichte Nr. 4

Zwei Mönche, der eine bejahrt, der andere noch ganz jung, wanderten im Regenwald einen schlammigen Pfad entlang. Sie waren auf dem Heimweg zu Ihrem Kloster. Da begegneten sie einer schönen Frau, die hilflos am Ufer eines reissenden Flusses stand.
Der alte Möch, der die Not der Frau erkannte, hob sie auf seine starken Arme und trug sie hinüber. Sie lächelte und schlang ihre Arme um seinen Hals, bis er sie am anderen Ufer sanft absetzte. Mit einer anmutigen Verbeugung dankte sie ihm, und die Mönche setzten schweigend ihren Weg fort.
Nicht weit von der Klosterpforte, konnte der junge Mönch nicht mehr an sich halten: "Wie konntest Du nur eine schöne Frau in die Arme nehmen? So etwas ziemt sich nicht für einen Mönch!"
Der alte Mönch sah seinen Gefährten an und sagte: "Ich habe die schöne Frau auf der anderen Seite des Flusses zurückgelassen. Du aber, so scheint es mir, trägst sie immer noch auf Deinen Schultern."

Hier eine Zen-Geschichte von Marianne Schoch. Vielleicht geht es Euch so wie mir. Auch ich musste diese ganz tolle Geschichte mehrmals lesen, bevor ich verstand, welche Weisheit dahinter steckt. Im täglichen Leben sehen wir es immer wieder: Es ist nicht das dünne Eis auf dem See, dass die dahinterliegende Wirklichkeit repräsentiert.

Zen-Geschichte Nr 5

Eines Tages hielt der Buddha vor einer Zuhörerschaft von mehr als tausend Nonnen und Mönchen eine Blüte hoch. ziemlich lange sagte er nichts. die Zuhörer waren völlig still. Alle schienen angestrengt nachzudenken und zu versuchen, die Bedeutung der Geste des Buddha zu verstehen. dann lächelte der Buddha plötzlich. er lächelte, weil ein Zuhörer ihn und die Blüte anlächelte. der Mönch hiess Mahakashyapa. Er lächelte als einziger, und der Buddha lächelte zurück und sprach: "Ich habe einen Schatz der Einsicht, und ich habe ihn Mahakashyapa übergeben".

Die Geschichte wurde von vielen Generationen von Zen-Schülern erörtert, und die Leute suchen weiter nach ihrer Bedeutung. ich meine, sie bedeutet etwas ganz Einfaches. wenn jemand eine Blüte hochhält und sie dir zeigt, möchte er dass du die Blume siehst. wenn du weiter nachdenkst, entgeht dir die Blüte. der Mensch, der nicht nachdachte, der nur er selbst war, konnte der Blüte intensiv begegnen und lächelte.

Weiter geht es mit leichter Kost. Hier ein paar kurze Geschichten, welche uns von Therese Hänni zur Verfügung gestellt wurden…

Zen-Geschichte Nr 6

Ein Mönch fragte: "Ist nicht Erbarmen ein Merkmal des Zen-Jüngers?" Der Meister anwortete: "So ist es."
Der Mönch fragte weiter: "Man nennt die Begierden der sechs Sinne, die sechs Räuber". Wenn diese Räuber auf einen Mönch einstürmen, was soll er tun?" Der Meister antwortete: "Erbarmen zeigen."

Die folgende Geschichte ist speziell für jene Menschen geschrieben, welche immer und immer wieder die Heilslehren verkünden wollen, aber ihr eigenes Leben nicht im geringsten in Griff haben… Diese Geschichte zählt zu meinen Favoriten.

Zen-Geschichte Nr 7

Ein Eremit sass meditierend in der Einsamkeit. Da huschte eine Maus herbei und knabberte an seiner Sandale. Verärgert öffnete der Eremit die Augen und sagte: "Warum störst du meine Meditation?" "Weil ich Hunger habe", antwortete die Maus.
"Geh weg, du dumme Maus", sagte der Eremit, "ich suche gerade die Einheit mit Gott, wie kannst du mich dabei stören!" "Wie willst Du eins sein mit Gott", sagte die Maus, "wenn du nicht einmal einig wirst mit mir".

Ist das nicht toll? Hier kommt gleich die nächste Geschichte. "Wie man in den Wald ruft, so tönt es zurück», sagt der Volksmund. Hier die Zen-Version davon…

Zen-Geschichte Nr 8

Im Shaolin Tempel gibt es einen Saal der tausend Spiegel. Eines Tages kam ein Hund in diesen Saal und sah sich plötzlich umgeben von tausend Hunden. Er knurrte und bellte seine vermeintlichen Gegner an, und auch die zeigten ihm natürlich tausendfach die Zähne. Daraufhin wurde der Hund fast rasend vor Wut, und diese Wut schlug ihm tausendfach zurück, sodass er vor Ueberanstrengung starb.
Irgendwann, kam wieder ein Hund in den Spiegelsaal, und auch er sah sich tausendfach umgeben von andern Hunden. Er freute sich und wedelte mit dem Schwanz und hatte plötzlich tausend Freunde.

Da gibt es doch tatsächlich Menschen, die sich wegen diesem Spruch immer ein Los leisten. Das schärfste dabei ist, dass diese dann auch noch gewinnen. Wer das Gefühl hat, dass er vom Universum ein Geschenk erhalten sollte, weil er so viel gutes tut, der soll sich bitte immer wieder mal ein Los kaufen. Man nimmt damit dem Universum viel Mühe ab.

Zen-Geschichte Nr 9

Ein Mann wünschte sich von ganzem Herzen nur eines: einmal das grosse Los zu gewinnen. Und so betete er jeden Abend zu Gott, dass er ihm diesen Wunsch erfüllen möge. Die Jahre vergingen, und immer noch betete er jeden Abend zu Gott, ohne dass sein Wunsch in Erfüllung ging. Als er eines Abends wieder ganz innig zu Gott betete, dass er ihm doch seinen grössten Wunsch erfüllen möge, da öffnete sich der Himmel und eine Donnerstimme rief: "Gib mir doch endlich einmal eine Chance, kauf dir ein Los!"